Bettina Ferbus

Die Tigerkönigin

Leseprobe:

Sie betraten den Tempel durch das große, von zwei Tigern flankierte Tor an der Vorderfront des Tempels. Bereits wenige Meter nach dem Eingang wurde der warme Glanz der Sonne durch das unstete Licht zahlreicher Öllämpchen abgelöst. In Stein gehauene Legenden erwachten in ihrem flackernden Schein zu geheimnisvollem Leben. Dumpf hallten die Schritte auf  den glatten Steinquadern des Bodens. Dicht hielt sich die Truppe zusammen und folgte schweigend ihrem Führer.

 

Das scheinbar endlose Labyrinth von Gängen führte Sie über unzählige Stufen immer tiefer in den Tempel hinein. Der Übergang vom düsteren, engen Gang zur hell erleuchteten, weiten Halle war plötzlich. Zahllose Fackeln, Kerzen und Opferfeuer erhellten den riesigen Raum. Streng blickte das gewaltige Abbild der Göttin auf das eingeschüchterte Häufchen Touristen herab. Mit gedämpfter Stimme begann der Reiseleiter zu sprechen: „Da bisher keine wissenschaftlichen Arbeiten durchgeführt werden durften, ist das Alter dieser Anlage unbekannt. Es gilt jedoch als gesichert, dass er einzigartig ist. Uns ist kein vergleichbarer Tempel bekannt.“ Seine Worte waren deutlich zu verstehen, obwohl er leise gesprochen hatte. Ein Beweis für die ausgezeichnete Akustik. „Die Statue der Göttin ist etwa zehn Meter hoch. Sie dürfte aus mit Gold überzogener Bronze bestehen. Wie bereits erwähnt, Sind wir auf den Augenschein angewiesen. Sie sehen Durga auf ihrem wilden Tiger reitend dargestellt, ähnlich wie in anderen Landesteilen auch. In dieser Gegend jedoch ist der Tiger nicht nur Reittier. Er hat zusätzlich noch eine sehr wichtige Funktion als Diener und Bote der Göttin. Aus diesem Grund wird er von der Bevölkerung Salachpurs besonders geschützt und verehrt…“

 

Theresa fühlte sich von Minute zu Minute unbehaglicher. Fröstelnd schlang sie die Arme um den Körper und begann auf dem weichen  Sandboden von einem Fuß auf den anderen zu treten. Plötzlich erstarrte sie. Warum war hier Sand? Überall sonst im Tempel war Steinboden, auch in anderen Tempeln oder Kirchen hatte sie nie Sandboden gesehen oder auch nur davon gehört, dass es welchen gäbe. Es war ganz feiner Sand, hell, fast wie. Irgendwie erinnerte er sie an Sägemehl.

 

„ Darf ich Ihre Aufmerksamkeit auf die außergewöhnliche Bauweise dieses Tempels lenken“, drängte sich die Stimme des Reiseleiters in ihr Bewusstsein. „Vielleicht ist Ihnen bereits aufgefallen, dass der Tempel von außen relativ niedrig erscheint, die Halle jedoch, in der wir uns im Moment befinden, eine recht beträchtliche Höhe aufweist. Dies ist nur möglich, weil ein großer Teil des Tempels unterirdisch angelegt ist. Beachten sie bitte auch die Balkone und Galerien, die den Zuschauern einen ungehinderten Blick auf die Zeremonien gewährleisten. Sie sind in zwei Reihen aus dem Felsen herausgehauen worden und in einem Dreiviertelkreis um die Statue angeordnet. Erst zwei Meter oberhalb der letzten Reihe beginnt das eigentliche   Gebäude…

 

Wie in einer Manege, dachte Theresa plötzlich. Oder doch nicht ganz? Die erste Balkonreihe befand sich sicher vier oder fünf Meter über dem Boden. Eher sah das Ganze aus wie eine Arena. Daher auch der Sand! Der Gedanke durchfuhr sie wie ein Blitzschlag. Sand, damit der Boden durch das Blut nicht glitschig wird, damit das Blut aufgesaugt wird! Ihr wurde schwindlig. Sie musste sich an Thomas lehnen. Ihr Mund war von einem ekelhaft süßlichen Geschmack erfüllt, ihr Magen revoltierte. Sie fürchtete, sich jeden Moment erbrechen zu müssen und suchte verzweifelt in ihrer Handtasche nach irgendetwas, mit dem sie den nach oben drängenden Mageninhalt auffangen konnte, als ihre Aufmerksamkeit von einem dunklen Fleck im Sand abgelenkt wurde. Fasziniert beobachtete sie, wie er immer größer wurde. Bald war eine richtige Lache entstanden, die sich unaufhörlich weiter vergrößerte. Eine ständig wachsende Pfütze dunkelroter Flüssigkeit glänzte im gelben Lichterschein der Halle. Blut! Mit all ihrer Kraft unterdrückte sie die aufkeimende Panik, stieß Thomas leicht in die Seite und deutete auf die Blutlache, die langsam zu einem kleinen See anwuchs. „Was ist los Schatz?“ Hast du eine Schlange gesehen?“ Theresa schaute ihm kurz ins Gesicht, ob er auch wohl in die richtige Richtung sah. Als sie ihren Blick wieder auf die Pfütze richtete, war diese verschwunden. Nur trockener heller Sand mit einigen Fußspuren war zu sehen. „Ich glaube, ich werde doch krank. Ich habe schon Halluzinationen,“ flüsterte sie mit belegter Stimme. Thomas legte ihr vorsichtig die Hand auf die Stirn: „Fieber hast du keines, deine Stirn fühlt  sich ganz kühl an.“

 

„Mir ist kalt!“ sagte sie leise. Er nahm sie in die Arme, sie lehnte ihren Kopf an seine Schulter und atmete den beruhigenden Duft seiner Haut ein.