Bettina Ferbus

Die vergessene Kolonie

Leseprobe:

Sie ritten schweigend dahin. Die Sonne rückte immer näher an den Horizont heran. Plötzlich hielt Marduk sein Pferd an. Mißtraurisch beäugte er den schmalen Streifen blassgrauen Dunstes zwischen Himmel und Sand. Bald war dieser Streifen nicht mehr schmal. Mit beängstigender Geschwindigkeit wuchs er und kam näher.

"Verdammt, ein Sandsturm. Hier in der Nähe gibt es eine Höhle. Wir müssen sie erreichen, sonst sind wir verloren."

Er trieb sein Pferd an, Dotima folgte ihm. Schwer atmend kämpften sich die Tiere im Galopp durch den tiefen Sand. Aufmerksam behielt Marduk die Felsen im Auge. Auf ihrer rechten Seite hob ein leises Säuseln an, das sich bald zu einem Grollen steigerte und schließlich zu einem Heulen, als wären sämtliche Teufel auf einmal aus den Tiefen der Hölle aufgestiegen. Gleichzeitig wurde der Wind immer stärker, trieb ihnen die Sandkörner ins Gesicht. Endlich bog Marduk zwischen die Felsen ein. Bereits nach wenigen Metern standen sie vor einem gut mannshohen dunklen Loch, das in den Berg hineinführte. Marduk ging voraus und entzündete einen Feuerstein, der die Höhle dürftig erhellte. Dotima folgte ihm mit den Pferden , die nur recht zögernd den Unterschlupf betraten.

Drinnen drängten sie sich dicht aneinander. Sie fühlten sich offensichtlich unwohl. Vor dem hellen Schein des Lagerfeuers, das Marduk entfacht hatte, flüchtete allerlei vielbeiniges Getier. Vor allem die auf Baraldur allgegenwärtigen Spinnen. Marduk beobachtete sie mißtraurisch, kam jedoch zu dem Schluss, dass sie alle für Menschen ungefährlich waren.

Draußen heulte weiterhin der Sturm, ja sein Wüten nahm noch zu, so als wäre er zornig, dass ihm seine Beute entronnen war. Die Pferde waren nervös, scharrten herum, wollten nicht so recht fressen. Marduk  schob es auf den Sturm. Nach dem Abendessen, das, wie sollte es auch anders sein, aus Trockenfleisch und Kartoffeln bestand, suchte er sich einen halbwegs bequemen Platz und war bald eingeschlafen. Dotima brauchte länger, bis sie ihren Weg ins Land der Träume fand. Die Nervosität  der Pferde hatte sich auf sie übertragen, außerdem irritierten sie die am Rande des Lichtkreises herumhuschenden Spinnen. Als sie es dann doch geschafft hatte einzuschlafen, wurde sie von seltsamen wirren Träumen heimgesucht. Einmal schrak sie hoch, bemerkte, dass das Feuer bereits ziemlich heruntergebrannt war und die Krabbeltiere sich schon reichlich nahe heranwagten. Entschlossen stand sie auf und legte noch Feuersteine nach. Als das Feuer hoch aufloderte, glaubte sie in einer nahem Felsspalte eine Bewegung wahrzunehmen. Gerade so als wäre etwas langes, schlankes, etwas in der Art einer Schlange in den Spalt gehuscht. Dotima hatte die Bewegung nur aus den Augenwinkeln wahrgenommen, doch ihre Aufmerksamkeit war geweckt. Sie versuchte den Spalt mit einem Feuerstein auszuleuchten, doch sie konnte nichts entdecken. Mißtraurisch geworden, beschloss sie den Rest der Nacht zu wachen.

Ein weiser Vorsatz, doch leider nur ein Vorsatz. Sie war einfach zu müde und immer wieder fielen ihr die Augen zu. Doch ihr Schlaf war nicht besonders tief. Sie hörte das Schnauben und Scharren der Pferde, sie hörte auch Marduks regelmäßige Atemzüge. Sie spürte auch den felsigen Untergrund ihres Lagers. Wie lange sie in diesem Dämmerschlaf gelegen hatte, wusste sie nicht, als sie plötzlich ein äußerst schmerzhaftes Brennen am Hals verspürte. Ihrem harten Training hatte sie es zu verdanken, dass sie trotz ihres schlaftrunkenen Zustandes den Impuls unterdrücken konnte, sich mit der Hand zum Hals zu fahren und sich die Ursache des Brennens einfach herabzureißen.

Gleichmäßig weiteratmend, gerade so als würde sie nichts spüren, öffnete sie die Augen. Über ihren ganzen Körper breitete sich ein Rankenwerk aus, das sich mit Schlingen an allen möglichen Körperteilen festklammerte. Vorsichtig und unendlich langsam nahm Dotima das Schwert, das sie in weiser Voraussicht neben sich auf den Boden gelegt hatte. Erfahrungen mit verschiedensten Fleischfressenden Pflanzen auf unzähligen Planeten hatten sie gelehrt, dass ruckartige Bewegungen oder gar der Versuch, die Schlingen herunterzureißen, die Pflanzen dazu veranlassen würden, ihren tödlichen Würgegriff zu verstärken. Obwohl sie auch am Handgelenk das vertraute Brennen zu spüren begann, beherrschte sich Dotima. Langsam, mit möglichst kleinen Bewegungen führte sie die Spitze des Schwertes an ihren Hals. Ein kurzer gezielter Schnitt und die Ranke war durchtrennt. Gleichzeitig zogen sich jedoch die restlichen um ihren Körper zu und Dotima hatte Mühe, sich ausreichend bewegen zu können, um auch noch den Stamm der Pflanze zu durchschneiden.

In einem letzten Aufbäumen unterbrachen die zuckenden Ranken für einen Moment den Blutstrom in Armen und Beinen und erschwerten ihr das Atmen, indem sie ihren Brustkorb zusammendrückten.

Krampfhaft nach Luft ringend gab Dotima nun endlich dem bereits übermächtigen drang nach und riss sich die Pflanzenreste vom Leibe. Doch bereits im nächsten Moment erstarrte sie schon wieder. Ihr Blick war auf Marduk gefallen. auch ihn umgab ein Netzwerk aus tödlichen Ranken. Es erforderte keine besonderen Überlegungen, um Dotima klarzumachen, was sie zu tun hatte. Einige Augenblicke, um ihre Konzentration wieder herzustellen und sie war bereit, den Kampf gegen die Würgepflanze ein zweites Mal aufzunehmen.

Noch bevor die Pflanze durch ihr tückisches Brennen Marduk dazu veranlassen konnte, sich selbst die Schlinge zuzuziehen, durchtrennte Dotima mit einem schnellen Streich die Ranke um Marduks Hals so zielsicher, dass er nicht den kleinsten Kratzer davontrug. Fast noch im selben Augenblick zerschnitt die scharfe Klinge auch den Stamm, dessen Ende sich eilig in den Spalt zurückzog. Marduk riss entsetzt die Augen auf, als er von allen Seiten zusammengedrückt wurde, die Pflanze im Todeskampf seinen Brustkorb zu zerquetschen drohte, während Dotima mit dem Schwert in der Hand über ihm stand.

Doch bald erschlafften die Ranken und Marduk riss sie sich angeekelt vom Leib. Inzwischen hatte er auch begriffen, dass Dotima ihm das Leben gerettet hatte.

"Puh, das war knapp", stöhnte er. "Ein Glück, dass du rechtzeitig munter geworden bist." Er stockte. Sein Blick war auf Dotimas Hals gefallen, auf dessen Haut sich dunkelrote Male abzeichneten.

"Du bist doch nicht etwa auch... Das gibt es nicht... Kein Mensch ist jemals einer Würgepflanze entkommen... Schon gar nicht, wenn er die Schlinge bereits um den Hals hatte."

Dotima blieb völlig kühl.

"Einer muss der Erste sein. Warum nicht ich?"

"Wie ist das nur möglich? Wie hast du das geschafft?"

"Man muss sich nur langsam genug bewegen, dann zieht die Pflanze ihre Schlinge nicht zu. Aber es war verdammtes Glück, dass die Ranke, die dich gepackt hatte, nicht reagierte, als ich die andere abschnitt. Sonst hätte ich die nicht mehr helfen können."

Marduk schluckte, dann schüttelte er das Grauen ab, das ihn bei dieser Vorstellung gepackt hatte. Er stand auf und ging zum Höhleneingang. Wenig später kam er zurück.

" Der Sturm hat sich gelegt, auch ist es nicht mehr lange bis zur Dämmerung. Wir sollten etwas essen und dann aufbrechen, um die Morgenkühle auszunützen."

Dotima nickte und half ihm, das Frühstück herzurichten. Das diffuse Licht des grauenden Tages fand sie bereits wieder auf ihren Pferden.